Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
In jedem Jahr am Volkstrauertag kommen wir hier zu dieser Stunde an dieser Stelle zusammen, um gemeinsam der Toten aus den Weltkriegen und der Opfer von Gewalt undTerrorismus zu gedenken und die Erinnerungan sie wach zu halten.
Doch dieser Tag heute heißt nicht Volksgedenktag oder Volkserinnerungstag, sondern Volkstrauertag.
Kann man per Anordnung trauern? Kann man kollektiv trauern?Trauer ist ein sehr persönliches Empfinden, ja, ein Gefühl, dass man nur dann erfährt, wenn einem ein Schicksal ganz unmittelbar und tief im Herzen berührt. Trauer beginnt mit der schrecklichen Erkenntnis über die Endgültigkeit eines Verlustes. Dieses Nachzuempfinden setzt Nähe mit dem Leid anderer voraus, doch viel zu oft erscheint uns der Schrecken des Krieges anonym und fremd. Fremdheit und Anonymität lassen keine Trauer zu, sie legen sich wie ein Schleier auf unsere Wahrnehmung und machen uns unsensibel, bisweilen sogar gefühllos.
Lassen Sie uns diesen Schleier für einen Moment nur wegziehen mit dieser Geschichte:
Drei Tage vor Ostern beginnt es in Mitteldeutschland langsam Frühling zu werden. Die letzten Schneereste sind geschmolzen, man kann am Nachmittag im Garten sitzen. Familie K. will den Geburtstag ihrer Großmutter feiern. Ein Grillfest ist vorbereitet, die Geburtstagstorte bereits angeliefert. Aus ganz Deutschland sind Familienmitglieder gekommen. Auch die Schwiegerenkeltochter mit den kleinen Zwillingen.
Nur einer fehlt -der Enkel des Geburtstagskindes. Ihm ist es unmöglich zu erscheinen. 6000 km ist er von seinem Heimatort entfernt.
Am Vortag hatte er sich via Internet aus einem Ort namens Kundus gemeldet und vorab gratuliert. Gut hatte er ausgesehen, gut gelaunt, zuversichtlich und gesund. In drei Wochen werde er auch wieder daheim sein und man möge er etwas von der Geburtstagstorte aufheben, hatte er gescherzt. Dann hatte er seine Frau und seine zwei Kinder gegrüßt und das Bild war erloschen.
Die Feier ist bereits in vollem Gange, die Kinder toben im Garten. Die Großmutter sieht ihn zuerst. Ein dunkelgrauer VW Passat hält vor dem Gartentor und zwei Männer steigen aus.
Der eine trägt eine Bundeswehruniform, der andere einen dunkelgrauen Anzug. Die Schwiegertochter öffnet ihnen die Haustür und dann … dann ist nichts mehr, wie es einmal war. Es sind Wortbrocken, die sich ins Gedächtnis brennen: “Im Gefecht gefallen”,
“Es besteht kein Zweifel an der Identität”, “Unser tief empfundenes Mitgefühl”.
Ein einziger Toter kann eine ganze Welt verdunkeln. Die Welt der Familie K. war mit einem Schlag rabenschwarz. Der Schleier war zerrissen, die Worthülsen mit denen man einstdie Wahrheit weichgespült hatte, waren wie Seifenblasen geplatzt. Das war kein “Stabilisierungseinsatz” in Afghanistan, das war “KRIEG”. Ihr Sohn, ihr Enkel, ihr Mann war nicht “Opfer eines höheren Arbeitsunfalls” Er war ein Kriegsgefallener, seine Frau eine Kriegerwitwe und seine Kinder Kriegswaisen.
Bei der Totenmesse dieses Soldaten sagte der Pfarrer “Hoffen wir, dass sein Leben nicht verloren ist”.
Ich möchte hinzufügen:
“Hoffen wir, dass wir irgendwann in allem einen Sinn erkennen können und wenn er auch nur darin bestünde, wach zu werden und zu erkennen, dass unsere Idylle bisweilen nur eine Fassade ist, hinter der das wirkliche Leben in all seiner Tragik stattfindet.
Ich weiß, dass sich nach dem Grauen der Weltkriege jeder verdächtig macht, der den Soldatentod einen Sinn geben will, aber es ist herzlos, den Hinterbliebenen mit dem Geruch der Sinnlosigkeit zurückzulassen.
Trauer entzieht sich oft jeder Bemühung, um Trost, Trauer ist eine Urkraft, ein Gefühl, das alle Menschen verbindet, und deshalb lässt es sich sagen: Ja, wir können uns einen Tag im Jahr Zeit nehmen, um gemeinsam zu trauern mit jenen, die die Wucht des Schicksals gespürt haben.
Wir können es, wenn wir den Schmerz an uns heranlassen.”